Dienstag, 24. April 2012

Wer schreibt, der bleibt

-Kolumne-
Was veranlasst jemanden dazu, Vergangenes, Erlebtes, Gedachtes, Gewünschtes oder Erträumtes zu Papier zu bringen und dann durch ein paar Tastenschläge sogar potenziell mit der ganzen Welt zu teilen? Ein nah an der Grenze zur Profilneurose schwehlendes Mitteilungsbedürfnis oder vielleicht sogar der vermessene Wunsch nach Unsterblichkeit, getreu dem Motto 'Wer scheibt, der bleibt'? Bei mir ist es auf den ersten Blick erst mal ganz simpel, denn ich folge einem inneren Drang, der mir so natürlich erscheint, wie meine banale Existenzsicherung durch ausreichendes Essen und genügend Schlaf. 

Schreiben ist mein zuverlässiges Ventil, um Gedanken zu ordnen, Erlebnisse zu verarbeiten und Sehnsüchten oder Phantasien einen unbegrenzten Raum geben zu können. Immerhin darf man heutzutage nur noch wenig, muss sich an unzählige und oft widersinnige Vorschriften, Reglementierungen und moralische Grundsätze halten, aber -wenn schon nicht alles tun- so darf man doch wenigstens alles SCHREIBEN! Und sei es auch nur ganz für sich allein in sein geheimes Tagebuch oder (in meinem Fall) leere Word-Dokumente.


Schreiben als Bewältigungsstrategie, das erscheint erstmal nicht neu und schon gar nicht besorgniserregend. Auch wenn hier tatsächlich äußerst beunruhigende Gedankengänge zum Ausdruck kommen können. Aber mit welcher Intention richtet ein Schreiber sich an ein Publikum, das ja in der Regel auch willkürlich ist. Will er aufklären, aufrütteln, die Welt verbessern oder einfach nur unterhalten? Klar ist, wer etwas veröffentlicht, hat einer großen Masse etwas mitzuteilen. 

Und möchte, so vermuten nicht nur Freudianer ganz zu Recht, auch etwas zurückbekommen: Aufmerksamkeit, Anerkennung, Lob, vielleicht auch einfach nur eine kritische Auseinandersetzung mit dem Werk. Eine Veröffentlichung der eigenen Schrift setzt immer ein 'In Kontakt-Treten' mit Menschen in Gang, die reflektieren, was man selber geleistet hat. Und da jedes Schriftstück auch etwas über den Schreiber offenbart, erfährt der Autor durch das Feedback der Anderen wiederum etwas über sich selbst. 


Einer Veröffentlichung wohnt immer eine gewisse Eitelkeit inne, denn jeder Verfasser wünscht sich einen Austausch und nicht selten auch eine Bestätigung vom lesenden Publikum. Dieses Prinzip gilt übrigens für gewichtige Werke der sogenannten 'hohen Literatur' bis hin zum beiläufig geschriebenen Blog-Post über den letzten Parfümerie-Einkauf. Ich ertappe mich selber oft genug dabei, dass ich den Wert eines Beitrages an der Anzahl der Kommentare festmachen will. Und reiche ich einen Text ein, lasse ich ihn mindestens von zwei bis drei Leuten zur Probe lesen. Kritik an Orthographie oder Intepunktion kann ich gut verschmerzen, aber bei inhaltlichen Fehlermeldungen bin ich oft zutiefst gekränkt.

Und somit leitet sich für mich eine ganz einfache Regel ab: Ein guter Schriftsteller ist authentisch, echt und lässt sich nicht von irreführender Eitelkeit blenden. Er sucht den Kontakt und lässt konstruktive Kritik zu, aber er richtet sein Schreiben nicht danach. In diesen Sinne habe ich wohl noch nicht ausgelernt, aber immerhin ein hehres Ziel vor Augen. 

Für Kritiker zu schreiben lohnt sich nicht, wie es sich nicht lohnt, denjenigen Blumen riechen zu lassen, der einen Schnupfen hat.

Anton Tschechow

Kommentare:

  1. "Und da jedes Schriftstück auch etwas über den Schreiber offenbart, erfährt der Autor durch das Feedback der Anderen wiederum etwas über sich selbst. " Kompliment, wirklich sehr gut gelungen! Liebe grüße, Nini

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  2. sehr schöner text, der wieder mal beweist, dass du zum schreiben gehörst, beziehungsweise umgekehrt :)

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  3. sehr fesselnd! normalerweise schrecken mich derart lange texte ab, aber von deinen, und besonders von diesem, kam ich nicht los. kompliment für so einen gelungenen text! lg toffi

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